Zwei Tage gastierte das Theater Mobile Spiele aus Karlsruhe mit „Der zerbrochene Krug“ von Heinrich von Kleist an den Beruflichen Schulen in Tübingen. Die Oberstufenkurse der drei Nachbarschulen Wilhelm-Schickard-Schule (WSS), Mathilde-Weber-Schule (MWS) und Carlo-Schmid-Gymnasiums (CSG) besuchten die Vorstellungen des Lustspiels in der halbierten Aula. So entstand, wie der Schauspieler David Lison zur Einstimmung sagte, „eine sehr intime Situation“. Für die heikle Angelegenheit im Stück der geeignete Rahmen.
Wenige Augenblicke später ist David Lison Richter Adam und spielt, redet und stolpert sich um Kopf und Kragen. Alle anderen Rollen bekleidet Petra Ehrenberg. Es sind – anders als im Stück – durchweg Frauen in den Positionen, die Richter Adam bei seiner Amtsführung auf die Finger schauen. Aus einer routinemäßigen Überprüfung durch Gerichtsrätin Walter wird die Überführung des Dorfrichters wegen Machtmissbrauchs und Vergewaltigung.
Ehrenberg spielt großartig und wechselt immer wieder Kostüm und Rolle, ist zunächst Gerichtsschreiberin Licht, dann Rupprecht, der Angeklagte, schließlich Gerichtsrätin Walter und sie bewegt das weitere Personal des Stückes. Das zweiköpfige Ensemble wird ergänzt durch vier Puppen, ausgezeichnet geschaffen von Ausstatter Marcus Stiefel-Dürr und überzeugend bespielt von Ehrenberg und Lison.
Regisseur des Stückes ist Thorsten Kreilos, der mit seiner Inszenierung zeigt, wie durch scheinbar einfache Kniffe die Aufmerksamkeit gelenkt werden kann und dem Publikum ein Licht aufgeht. Dorfrichter Adam tritt auf in einer Kluft aus dem 18. Jahrhundert. Alle anderen tragen Kleidung der heutigen Zeit, Eve und Rupprecht sind regelrecht hipp gekleidet mit Beanie und Hoodie. Geändert hat sich in großen Fragen wie immer nichts: Was im Stück von Heinrich von Kleist die Hauptfigur Adam verübt, sehen wir heute in all den Fällen, wo Frauen „MeToo“ sagen.


