Sprechen und Zuhören nach dem Format des Vereins „Mehr Demokratie e.V.“ haben zwei Berufsschulklassen der Wilhelm-Schickard-Schule kennen gelernt und ausprobiert. Christopher Schmidhofer und Werner Hörzer waren dazu als geschulte Moderatoren der Methode in den Deutschunterricht der Berufsschüler im ersten Ausbildungsjahr gekommen und stellten den Ablauf und die Regeln für den Gesprächsverlauf vor: Sprechen in Kleingruppen von drei oder vier Personen, jede Person bekommt dreimal drei Minuten Redezeit, in den drei Runden geht es reihum in gleicher Reihenfolge. Für die Zuhörenden gilt: es sind keine Unterbrechungen und keine Rückfragen erlaubt, Pausen und Stille darf es geben, die Zuhörenden verhalten sich passiv, sollen nicht mit Nicken oder Kopfschütteln auf Aussagen der Sprechenden reagieren.
Auf das jeweilige Thema hatten sich die Klassen bereits eine Woche zuvor geeinigt: „Wie geht es dir mit dem Wahlergebnis nach der Landtagswahl?“, fragten sich die Groß- und Einzelhandelskaufleute. „Wie stehst du zu einem Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige?“ Dazu äußerten sich die Industriekaufleute untereinander. Nach der Einführung und Klärung offener Fragen starteten die Kleingruppen in ihre Rede- und Zuhörzeiten. Leises Murmeln, auch lautere Stimmen und immer wieder Pausen waren in den kommenden gut 36 Minuten zu hören, denn die festgelegte Redezeit von drei (eigentlich vier) Minuten wird konsequent eingehalten.
Im Bildungsplan des Fachs Deutsch in der Berufsschule steht im ersten Ausbildungsjahr Kommunikation und die Reflexion des eigenen Gesprächsverhaltens im Zentrum. Die Schülerinnen und Schüler hatten sich im ersten Halbjahr bereits mit Gesprächssituationen im beruflichen Kontext auseinandergesetzt, hatten Kommunikationsmodelle kennen gelernt und sich mit Ich-Botschaften, Aktivem Zuhören und Feedback-Regeln vertraut gemacht. Das neue Format verlangte hier allerdings teilweise abweichende Regeln. Entgegen der Empfehlung eines aktiven Zuhörens sollen beim „Sprechen & Zuhören“ Bewertungen des Gehörten durch Körpersprache unterbleiben. In der Feedback-Runde am Schluss äußerte Chris Trick: „Als Zuhörender keine Mimik, keine Gestik zeigen zu dürfen, ist brutal schwer“. Ebenso kritisch bemerkte Moritz Kress: „Es gab keinen Gesprächsfluss, da war kein Lauf drin.“ Aldin Turkes dagegen sagte: „Ich fand es angenehm und ruhig.“ Immer öfter gebe es Schubladen, auch in Fernseh-Diskussion erlebe man, dass sich die Teilnehmenden ins Wort fallen würden, in ihren Positionen fest seien und sich eben nicht zuhören würden. Lucas Rometsch fand es „interessant, einfach nur zuhören zu müssen“ und stellte sich das Format bei kontroversen Themen angewandt vor. Jessica Weniger sagte, sie habe ab der zweiten Runde alles einfach auf sich wirken lassen und es als fast meditativ empfunden.
Die Erfahrungen, Empfindungen und Einschätzungen der Schülerinnen und Schüler waren in der Abschlussrunde sehr unterschiedlich. Tendenziell bewertete die eine Klasse das Format positivier als die andere. Letztlich zeigte sich auch in den Reflexionsgesprächen, wie vielfältig Meinungen und Erfahrungen sein können und Situationen unterschiedlich erlebt und wahrgenommen werden.
„Schön wäre eine Diskussionsrunde am Ende“, sagte Sören Stier und erntete dafür viel Zustimmung. „Die geeignete Basis für einen echten Austausch wurden möglicherweise gerade durch dieses besondere Format geschaffen. Wenn sich jetzt weitere Gespräche untereinander anschließen, ist das richtig toll“, schloss Christopher Schmidhofer an, dankte abschließend den Klassen für ihre Bereitschaft, sich auf das Format einzulassen und beendete eine besondere Doppelstunde.


